So objektiv und neutral wie nur möglich

Hintergründe zur politischen Risikobewertung


Ergänzend zu dem Artikel »Absichern? Aber SURE!« sprachen wir mit Dr. Nicolas Schwank, dem Geschäftsführer des Unternehmens CONIAS, über Konfliktbetrachtung, die Bedeutung räumlicher Strukturierung, Objektivität bei der Datenfassung – und über seine Einschätzung der aktuellen politischen Situation.

PublicDomainPictures Pixabay.com
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Ist das ein politischer Konflikt? Oder doch nur ein Freudenfeuer? Die Einschätzung der politischen Lage erfordert viel Erfahrung und ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein.

Zoom!: Dr. Schwank, wir haben im Artikel zu CONIAS über Ihre Daten berichtet. Lassen Sie uns hier noch etwas Hintergrundinformationen dazu geben. Wie weit reicht Ihre Datenbasis zurück?

Dr. Nicolas Schwank: Unser Unternehmen hat sich aus der Universität Heidelberg heraus entwickelt, dort wurde 1989 ein Forschungsprojekt gestartet, und wir haben dafür Daten seit 1945 aufbereitet. Im Laufe der Zeit wurden die Daten immer mal wieder überprüft und aktualisiert und bilden nun eine Grundlage, um die Eskalationsdynamik zu untersuchen. Dabei gibt es eine kleine Einschränkung: Die geographische Referenzierung, also die feinere Beschreibung, wo genau ein Konflikt stattfindet, können wir erst seit 2011 vornehmen.

Sie sprechen die subnationalen Einheiten an.

Genau. Damals konnten wir mit Mathematikern und Geographen erste Projekte zwischen Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften realisieren und haben zum ersten Mal gelernt, dass das bisherige Vorgehen, ein ganzes Land als vom Konflikt betroffen zu betrachten, völlig falsch war. Anhand der feinräumigen Karten sehen Sie, dass zum Beispiel in Bürgerkriegsländern wie dem Kongo nur vielleicht 30% der Flächen überhaupt kriegerische Gewalt aufweisen. Das war eine besondere Erkenntnis, über die wir den geographischen Bezug vollkommen neu kennengelernt haben.

Spannend ist auch das Thema der Daten­erfassung, also der Auswertung der enormen Anzahl an Datenquellen. Was passiert, wenn ein Redakteur über die Aufnahme eines Artikels entscheidet?

Die Informationen fließen zunächst einmal einer Konfliktregion zu. Aber die Zuordnung zu den sozialen Systemen ist wichtig – trifft die Meldung eher auf aggressiv agierende Menschen oder solche, die eher auf Verhandlungen aus sind. Mit der Auswertung dieses Backgrounds werden die Informationen von uns kontextualisiert, und das ist die Aufgabe eines Redakteurs. Die ganze weitere Berechnung erfolgt dann wieder über das System.

Wie schaffen Sie es in dem Kontext, die Objektivität zu wahren? Es sind doch Menschen, die kategorisieren oder bewerten?

Die Aufgabe des Redakteurs ist es, aus einem Katalog von mehreren hundert Stichworten die passenden zu finden und zuzuweisen, die eigentliche Bewertung erfolgt dann über das System. Theoretisch wäre z. B. eine Unterschlagung von Informationen an dieser Stelle möglich, aber da gegenseitig eine mehrfache Kontrolle erfolgt, fällt das praktisch aus.

Und der menschliche Faktor ist auch unverzichtbar. Stellen Sie sich eine historische Nacherzählung vor, die ohne Zeitbezug ausgeführt ist – wie soll ein System unterscheiden, ob es sich um historische oder aktuelle Fakten handelt?

Die weltweite Einschätzung der politischen Stabilität liegt für rund 3.800 Regionen vor und wird monatlich aktualisiert.

Ihr Schwerpunkt liegt auf der Erfassung von politischen Risiken. Gibt es Verknüpfungen mit anderen Risiken, die sie einfließen lassen? Zum Beispiel Naturgefahren oder Kriminalität?

Nicht direkt. Gemeinsam mit Kunden haben wir allerdings die Anschlussfähigkeit unserer Aussagen erarbeitet. Indizes zu Naturrisiken sind beispielsweise weit verbreitet, die ihre Aussagen in der Skala von 0 bis 10 treffen. Da häufig Naturgefahren und politische Risiken gemeinsam betrachtet werden, haben wir uns dieser Systematik angeschlossen.

Sie beschreiben drei verschiedene Risiken: strukturelle, aktuelle und Trendrisiken. Können Sie das näher erläutern?

Das strukturelle Risiko ergibt sich aus der langjährigen Konfliktbeobachtung. Aber auch da gilt es zu unterschieden: Es gibt Staaten im Übergang von der Diktatur zur Demokratie, oder auch umgekehrt. Diese können anfällig sein, sind aber nicht unbedingt komplett von Gewalt betroffen. Oder die Dauer politischer Gewalt kann sich unterscheiden. All das fließt mit ein, und über die Beobachtung der vergangenen Jahre ergibt sich der strukturelle Risikoindex.

Das aktuelle Risiko bezieht sich auf die Bewertung der Konfliktsituation des letzten oder der letzten drei Monate.

Und das Trendrisiko ergibt sich aus einer Bewertung und Gewichtung der aktuellen und der strukturellen Konfliktsituation im Sinne einer Prognose. Das ist ähnlich wie bei den Naturrisiken: Ob ein Vulkan an einen bestimmten Termin ausbricht, das ist nicht vorherzusagen. Aber wenn viele Anzeichen darauf hinweisen, ergibt sich ein entsprechender Warnhinweis, und in der gleichen Form gehen wir auch vor.

Wie ist es mit der räumlichen Trennschärfe: Wenn in einer subnationalen Einheit ein Konflikt relativ nah am Randbereich zu einer anderen Einheit liegt, werden die Aussagen dann übertragen?

Unbedingt. Das ist eine Neuerung, die wir eingeführt haben, die Berücksichtigung von Nachbarschaft und Ansteckungseffekten, die dann auch in der Nachbarschaft zu einem entsprechend erhöhten Wert führen.

Die Daten werden monatlich aktualisiert. Das klingt nach einem hohen Aufwand.

Aber dringend notwendig. Nehmen Sie folgendes konkretes Beispiel: Ein Konzern hat für ein Werk 5000 Zulieferer, die nach Möglichkeit natürlich nicht ausfallen sollten. Bevor das Unternehmen unser Kunde war, fußten seine Entscheidungen auf Aussagen, die nur sehr unregelmäßig aktualisiert wurden – mit dramatischen Folgen im Bereich der Ukraine: Während der Konflikt dort eskalierte, stand das System immer noch auf Grün. Die Dynamik auf unserem Gebiet ist einfach unglaublich, inzwischen aktualisiert der Kunde alle drei Monate, andere Kunden nutzen die Werte auch monatlich.

Welche Branchen nutzen Ihre Analysen?

Ein Schwerpunkt ist die Automobilbranche, auch Pharmazie und Chemie spielen eine Rolle und die Zusammenarbeit mit Versicherungen. Aber es gibt auch Zulieferer, die die Strategie haben, möglichst nahe am Werk des Auftraggebers zu produzieren und unsere Aussagen zur Standortentscheidung heranziehen.

Wie unterschiedlich verteilt die Risiken innerhalb eines Landes sein können, verdeutlicht dieses Beispiel der Türkei.

Ich fand auch den Ansatz sehr interessant, für überregional tätige Unternehmen Ihre Daten für die Reiseplanung einzusetzen.

Das stimmt. Es gibt starke Anbieter am Markt, die das schon länger offerieren, aber das Besondere bei uns ist die langfristige Konfliktbeobachtung und die Methodik dahinter. Wir kennen auch Nationalfeiertage, die in keinem Kalender vermerkt sind – und die potenzielle Risiken bergen, von Gruppierungen zu Demonstrationen oder Anschlägen missbraucht zu werden.

Sie werben auch damit, dass sich ein Lieferant, der sich bei einem Unternehmen bewirbt, von Ihnen klassifizieren lassen soll. Da stellt sich natürlich die Frage, wie akzeptiert Sie mit ihrer Bewertung am Markt sind?

In der Automobilbranche sind wir schon gut vertreten, sprechen gerade mit dem zweiten großen Hersteller – und hoffen auch auf den Dritten (lacht). Sagen wir mal so: Es ist uns schon gelungen, mit großen DAX-Konzernen zusammenzuarbeiten. Unser guter Ruf wird größer, die Kunden sind sehr zufrieden mit dem, was wir anbieten. Auch Großkunden, die uns jetzt zu Testverfahren einladen, sehen den Mehrwert, den wir bieten können.

Die digitale Risikobewertung ist noch nicht weit verbreitet, häufiger wird eine traditionelle Reporterstellung angeboten. Aber wir sprachen ja gerade über die Dynamik – unsere Indikatorenwerte können und sollen keinen kompletten Report ersetzen, sie schaffen aber einen Mehrwert gegenüber einer umfangreichen Textfassung: eine leicht und schnell zu erfassende Aussage, basierend auf einer wissenschaftlichen Methode, die man in allen Regionen der Welt einsetzen kann. Da alle Regionen gleich bewertet werden, sind unsere Aussagen so neutral und objektiv, wie es irgendwie nur möglich ist.

Sie beschäftigen sich ja schon lange mit dem Thema der politischen Risikoanalyse ...

Seit 1998, um genau zu sein.

... dann stellt sich am Schluss natürlich die Frage: Wie bewerten Sie die aktuelle globale Situation? Und vor allem: Wohin bewegen wir uns? Müssen wir uns Sorgen machen?

Nun, es gab Zeiten, die schon kriegerischer waren, wenn man noch an die jugoslawischen Staatszerfallskriege denkt, da war Europa noch stärker betroffen, als es im Moment ist. Damals bewegte sich der Fokus weg von den zwischenstaatlichen Problemen – der Angst vor einem Atomkrieg oder dem Zusammenstoß der Supermächte – und hin zu den innerstaatlichen Konflikten.

Diesen Wandel meine ich im Moment wieder zu spüren, da das internationale System, das lange Zeit eine große Stabilität aufgewiesen hat, sich verändert. Es hat viel damit zu tun, dass die USA nicht mehr bereit ist, die Position einer Weltpolizei einzunehmen und nicht mehr beschwichtigend, sondern eher als »Zündler« auftritt. Gleichzeitig werden mit den nationalistischen Modebewegungen internationale Kooperationen eher infrage gestellt, aktiv dagegen gearbeitet und der Nationalstaat in den Vordergrund gerückt. Das führt zu ganz neuen Bewegungen und politischen Konfliktlagen, die wir so in den letzten 20 bis 30 Jahren nicht hatten. Und damit passiert etwas Entscheidendes: Es fehlt das Instrumentarium, mit solchen Konflikten umzugehen. Man merkt, wie unbeholfen die Politik auf viele Problemlagen reagiert, weil sie einfach ungewohnt sind, neu sind – und damit auch die Erfahrung fehlt, die man vielleicht im Kalten Krieg noch hatte.

Ein leider treffendes Wort, das Sie mit eingebracht haben: die Unbeholfenheit.

Ja, und das ist auch ein Punkt, der mir Sorgen macht.

Dann werden wir dieses Interview leider mit Falten auf der Stirn beenden müssen.Dennoch herzlichen Dank für das sehr informative und interessante Gespräch!


Kurzbio Dr. Nicolas Schwank

N.Schwank_new

Dr. Nicolas Schwank hat nach seiner Pro­motion an der Univer­sität Heidel­berg Ins­ti­tutionen wie die Bertelsmann-Stiftung, das Bundes­ministerium für wirtschaft­liche Zusammen­arbeit und En­twicklung und die Euro­päische Kommission zum Thema Early Warning und Krisenbewältigung beraten. Seine Analysen und Kommentare sind u.a. in Spiegel online, ZEIT online und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.