Absichern? Aber SURE!

Politische Risikobewertung auf subnationaler Ebene


Ob sich ein Unternehmen um Aufträge bewirbt oder ein Konzern sein Supply-Chain-Management auf den Prüfstand stellt, in beiden Fällen geht es darum, mittels einer Risikobewertung die Situation einzuschätzen und Handlungsoptionen einzustufen. Und während ein Zulieferer auf Reputation bedacht ist: »Wir produzieren weltweit und können Ihnen die Produktion an vier möglichen Standorten anbieten, alle mit einem Risk Rating unter ›3‹.«, setzt eine Unternehmensleitung auf Sicherheit: »Sieben der zehn Zulieferer produzieren in einem Land mit dem Risk Rating Stufe ›3‹, damit ist das Ausfallrisiko sehr gering.«

blanscape/iStock.com
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Welche Auswirkungen kann eine Protestbewegung – wie diese hier in Bangkok 2013 – auf ein Unternehmen in Europa haben? Die Betrachtung und Einschätzung politischer Risiken ist ein wichtiger Faktor bei Standortentscheidungen und der Auswahl von Lieferanten.

Die Bewertung von Naturgefahren ist eine recht bekannte Vorgehensweise, auf die wir in vergangenen Ausgaben der Zoom! schon ausführlich eingegangen sind (vgl. Sie z. B. den Schwerpunkt in der Ausgabe 2/2014). Was wir bisher noch nicht im Fokus hatten, war die Berücksichtigung politischer Konflikte – ein Gefahrenpotenzial, das sich sehr viel kurzfristiger entwickeln kann als Naturereignisse und dessen systematische Beobachtung und Analyse eine große Herausforderung darstellt.

Politische Risiken und Lieferantennetzwerke

Genau dieser Aufgabe hat sich das Unternehmen CONIAS Risk Intelligence angenommen. In unserem Interview ab S. 6 gibt der Geschäftsführer Dr. Nicolas Schwank einen intensiven Einblick in das Unternehmen und die Thematik. Doch was genau macht CONIAS, und was verbirgt sich hinter der politischen Risikobewertung?

Lassen Sie uns das am bereits angerissenen Thema eines Lieferantennetzwerkes illustrieren. Wenn beabsichtigt ist, längerfristige Verträge mit einem Zulieferer zu schließen, so ist neben anderen Faktoren die politische Stabilität ein zentraler Faktor: Müssen Sie mit politisch bedingten Störungen rechnen, die zu Unterbrechungen oder Ausfällen in der Produktion führen können? Ist die Erreichbarkeit gewährleistet, sind die Transportwege sicher? Gibt es Landesteile, die sich für eine Ausweitung des Produktions- und Lieferkettennetzwerkes anbieten?

Unter dem Kürzel SURE (Subnational Resilience) bietet CONIAS ein Risk Rating an, das zwei entscheidende Vorteile bietet:

  • Weltweite Betrachtung von rund 3.800 administrativen Einheiten der ersten Ordnung
  • Monatliche Aktualisierung der Risikobewertung, um der hohen Dynamik in politischen Konflikten Rechnung zu tragen

Warum subnationale Einheiten

Der Begriff der Resilience wird von CONIAS als Fähigkeit definiert, »sich rasch von Erschütterungen des Status quo zu erholen, Krisen zu bewältigen und ihre negativen Begleiterscheinungen und Folgen hinter sich zu lassen, und dort, wo eine Rückkehr zum vorherigen Stand unmöglich ist, erfolgreich anzupassen«.

Kriegerische Konflikte, Terrorismus oder Unruhen, aber auch Proteste oder Arbeitsniederlegungen können für eine Instabilität in einer Region sorgen, die Materialschäden verursachen, Investoren verunsichern, Arbeitskräftemangel erzeugen, Lieferketten unterbrechen oder sogar das Personal in Lebensgefahr bringen. Interessant ist aber, dass derartige Konflikte vor allem in großen Flächenstaaten oftmals nur in einzelnen Regionen eines Landes auftreten, während andere Landesteile als sicher einzustufen sind. Diese Beobachtung führte zu einem Bewertungsansatz auf subnationaler Ebene – statt für 193 Staaten liegen Einstufungen weltweit für 3.800 Verwaltungseinheiten vor.

Ein Muss: die monatliche Aktualisierung

Allein in den drei Monaten seit Dezember 2018 konnten in mehr als 350 Gebieten signifikante Veränderungen des Konflikt­niveaus festgestellt werden – erfreulicherweise auch mit einem deutlichen Anteil von positiven Trends. Aber es verdeutlicht die hohe Dynamik, aus der sich die Notwendigkeit einer regelmäßigen Aktualisierung des Datenbestands ergibt.

Stellt sich natürlich die Frage, wie diese hohe Aktualität gewährleistet werden kann. Die Antwort liegt in der langjährigen Erfahrung und in einem erprobten, computergestützten System der Quellenauswertung, das laufend aktualisiert und erweitert wird. Aus 40.000 Quellen wie Zeitungen, Blogs oder sozialen Netzwerken werden im Jahr mehr als 3 Milliarden Artikel auf relevante Informationen überprüft. Rund 250.000 Artikel werden halbmaschinell gefiltert, ergänzt oder teilweise neu erfasst und schließlich redaktionell kontrolliert und freigegeben. Dieses Verfahren mündet in ca. 180.000 kodierte Maßnahmen, die letztendlich zur Auswertung und Einstufung der Regionen führen. Und die Anzahl der Artikel hat eine stetig steigende Tendenz.

Die Einstufung der Risiken bewegt sich zwischen 0 und 10 und ist damit an die Bewertung von Naturgefahren angepasst.

Skala von 0 bis 10

Mit SURE werden die Intensitäten der in einer Region ausgetragenen Konflikte über intervallskalierte Werte abgebildet, die von 0 bis 10 reichen. Das ermöglicht eine schnelle Erfassung, welche Gebiete als stabil, fragil oder unsicher eingestuft werden. Damit liegt ein erster Orientierungsrahmen vor, der durch weitergehende Analysen, historische Betrachtungen und daraus abgeleitete Prognosen sowie eine laufende Aktualisierung der Daten ein präziseres Bild liefert und hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Beispiel Algerien – der Wert der regionalen Betrachtung

Am Beispiel des nordafrikanischen Staats Algerien wird besonders deutlich, welchen Mehrwert der CONIAS-Ansatz der regionalen Betrachtung auch in vermeintlich unübersichtlichen Situationen bietet. Der SURE-Datensatz erfasst auch die Proteste der vergangenen Monate, die vor kurzem den »ewigen« Präsidenten Bouteflika aus dem Amt drängten und international für Aufsehen sorgten. Die systematische Analyse des Konfliktgeschehens zeigte, dass es nur in den Provinzen Sidi Bel Abbes, Boumerdes und der Hauptstadt Algiers sporadisch zu Gewalt kam: Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Regierung ein großes Interesse an der Stabilität des Landes und guten Beziehungen zum westlichen Ausland hat (rund 200 deutsche Unternehmen sind im Land vertreten). Gleichzeitig hat sich in einigen anderen Provinzen, wie Khenchela oder Jijel, das Resilienzniveau deutlich verbessert, hier ist es den algerischen Sicherheitskräften gelungen, die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus, u.a. durch Al Qaida, deutlich zurückzudrängen.

Reisen mit Bedacht

Die Anwendungsmöglichkeiten der politischen Risikobewertung gehen über die erwähnten Beispiele deutlich hinaus. Vor allem in Zeiten der nicht mehr wegzudenkenden Globalisierung sollte die Möglichkeit, sich ein fundiertes Bild über die politische Situation in einer Region zu machen, vermehrt in Entscheidungs- und Planungsprozesse eingebunden werden. Mitarbeiter in ein Gebiet mit einem sehr hohen Risikofaktor reisen zu lassen, sollte wohl begründet sein – vor allem, wenn sich benachbarte Regionen anbieten würden, die sichtlich stabiler sind.

Wenn wir Ihr Interesse geweckt haben, erfahren Sie im folgenden Interview noch mehr über das Thema der politischen Risikobewertung. Gerne stehen wir von DDS auch bereit, um Ihnen weiterführende Informationen zu dem Thema der Risikoanalyse zu geben.

Und wenn Sie in Zukunft einen Artikel lesen, der sich mit Konflikten in einem Land befasst – wer weiß, vielleicht ist es genau dieser Artikel, der entscheidend zur Einstufung einer Region beiträgt? •••

DDS steht Ihnen als Ansprechpartner für alle Fragen rund um die SURE-Daten zur Verfügung.