Die Ambulantisierung der Pflege

Den Pflegemarkt erfassen und homogenisieren – kein leichtes Unterfangen


Informationen zum Thema Pflege sind auf vielen Wegen zu erhalten: über die Portale der Gesundheits- und Pflegekassen, Webseiten der Träger oder auch der Betreiber der Einrichtungen. Ein umfassendes und vergleichbares Bild zu erhalten, ist aber alles andere als trivial – wie wir im Gespräch mit Sebastian Meißner, Produktmanager Pflegedatenbank beim Hamburger Unternehmen pm pflegemarkt.com erfahren konnten.

justhavealook/iStockPhoto.com
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Die politisch gewollte Ambulantisierung im Pflegemarkt hat auch Auswirkungen auf Konzeption, Neu- und Umbau von Pflegeeinrichtungen.

Herr Meißner, Sie bieten auf Ihrer Webseite umfangreiche Daten zum Themenkomplex Pflegemarkt an. Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit dieser Thematik?

Sebastian Meißner: 2008 haben wir unser Unternehmen gegründet als Spin-off aus einer Unternehmensberatung heraus. Damals gab es ein Projekt im Pflegebereich, das uns einen Blick auf dieses Segment eröffnet und letztendlich zu der Idee geführt hat, mehr für diesen Markt zu tun.

Nun ist der Markt nicht ganz einfach zu überblicken, wie ist Ihre Herangehensweise, welche Datenquellen ziehen sie heran?

Im Grunde nutzen wir öffentlich verfügbare Daten verschiedener Portale und Registerinformationen. Ein Schwerpunkt liegt aber ganz klar auf der eigenen Recherche. Wir analysieren die Webseiten der Anbieter und arbeiten uns sehr weit in die Informationen hinein. So erfassen wir nicht nur die Adressen von Unternehmen, sondern auch deren Spezialisierung, kennen die Größe, die Ansprechpartner, die Betreiberzugehörigkeiten, wissen, ob es private oder gemeinnützige Träger sind, kennen die Kostensätze usw. Im Grunde recherchieren wir alles, was man zu so einem Pflegeunternehmen wissen kann.

Das klingt nach sehr viel Aufwand.

Der Aufwand ist nicht unerheblich, wir können inzwischen rund 80 % mit technischer Unterstützung erfassen, z. B. durch Webcrawling oder automatische Textanalyse. Dennoch – die verbleibenden 20 % werden am Ende manuell über unsere Mitarbeiter erfasst.

Sie bieten ein breites Datenportfolio zum Pflegemarkt an, das Sie unter dem Stichwort »Radar« zusammenfassen.

Unter dem Stichwort »Radare« stellen wir im monatlichen Rhythmus sämtliche Marktbewegungen zusammen. Diese enthalten beispielsweise Neugründungen, Bauaktivitäten und Veränderungen wie Betreiberwechsel und Kontaktdatenänderungen.

Mit dem Vorteil der großen Marktkenntnis?

Und damit, dass wir immer etwas schneller sind als die amtlichen Statistiken, die im Bereich der Pflege meistens zwei Jahre hinterherhinken. Wir bieten die aktuelle Sicht auf den Markt an.

Wie sieht der Einsatzzweck der Daten aus, in welcher Form nutzen Ihre Kunden die Informationen?

Ein Großteil unserer Kunden hat vertriebliche Aspekte zum Ziel, ein klassisches Beispiel ist die Vermarktung von Dienstleistungen und Produkten für Pflegeunternehmen. Standortplanung ist ein zweiter Nutzungsbereich, da wir neben den Bestandsdaten auch Baudaten erfassen und Daten zu geplanten Einrichtungen liefern. Auch in die Politik gibt es erste Kontakte, da auf kommunaler Ebene, also dem Verantwortungsbereich für die Pflegebedarfsplanung, oft eine aktuelle Übersicht der Marktsituation fehlt.

Gerade bei länderübergreifenden Daten stellt sich die Frage nach der Homogenität der Daten – die Informationen liegen ja je nach Bundesland in sehr unterschiedlichen Formen vor.

Das ist wirklich eine Herausforderung, da kommt unser Markt-Know-how zum Tragen, dass wir uns in den letzten zehn Jahren angeeignet haben. Wir kennen die Unterschiedlichkeiten auf Landesebene und sorgen für eine weitgehende Vergleichbarkeit der Daten. Gerade im Bereich der ambulanten Pflegedienste beispielsweise ist das nicht immer einfach, da die erbrachten Leistungen und deren Abrechnungen sehr unterschiedlich sind. Wir erarbeiten dann Kennzahlen, um eine möglichst große Homogenität herzustellen.

Können Sie uns zum Abschluss noch etwas zum Thema »Trends auf dem Pflegemarkt« sagen?

Es ist gerade sehr spannend, was wir auf Basis unserer Datenbank aktuell ermitteln können. Der politisch gewollte Trend zur Ambulantisierung, also weg von der stationären und hin zur ambulanten Pflege, zeigt sich ganz klar in den Neugründungen und in den Bauprojekten. Derzeit entstehen deutlich weniger Pflegeheime im klassischen Sinn. Der Trend geht in Richtung Einrichtungen, die Tagespflege, Pflegedienste und auch betreutes Wohnen kombinieren. Zwar entsteht im Endeffekt etwas, das aussieht wie ein Pflegeheim, aber sowohl für den Bewohner als auch für den Anbieter ist es attraktiver. Der Bewohner hat in der Regel mehr Platz und der Anbieter zufriedenere MitarbeiterInnen. Auch das ist ein Vorteil der Informationen, die in unseren Datenbanken stecken: Die Entstehung solcher Konzepte ist ein Segment, das in der amtlichen Statistik gar nicht erfasst wird, wir aber sehr wohl beobachten können.

Herr Meißner, herzlichen Dank für das Gespräch!

Wenn Ihre Neugier geweckt ist, wenden Sie sich gerne an DDS, um mehr zu erfahren.
 

 


Sebastian Meißner

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Sebastian Meißner, Diplom-Ingenieur Elektrotechnik, war maßgeblich an der Entwicklung der Pflegedatenbank beteiligt und ist verantwortlich für die Koordinierung Technik-Research und Datenqualität. Schwerpunkte: Markt- und Standortanalyse, Produktentwicklung, Schreiben von Fachartikeln und neue Analytik-Ansätze.